Storytelling in der Mediation ...

… hilft, schwierige Situationen besser zu meistern.

Eine Geschichte zum richtigen Zeitpunkt vom Mediator erzählt, erhellt den Konflikt und bringt neuen Schwung in den Prozess.
Geschichten befreien die Konfliktparteien von dem Druck etwas "richtig" ausdrücken zu müssen, damit man nicht falsch verstanden wird.
Oder sie helfen, unaussprechbares dennoch auszusprechen und es so der gemeinsamen Lösung zuzuführen.

In einem
"Keep it fresh" beim MediationsZentrum Berlin e. V. hatte ich Gelegenheit, Dr. Hanna Milling und diese Methode besser kennen zulernen.

Seit dem beschäftige ich mich wieder mit dem Geschichtenerzählen. "Wieder", weil ich mich noch während der Veranstaltung daran erinnerte, dass ich früher meiner Tochter kleine selbst ausgedachte Geschichten zum einschlafen erzählt hatte. Diese Geschichten handelten von eine Pinguin namens Manfred und es waren alltägliche Begebenheiten, die, weil Manfred der Pinguin, ja am Südpol lebt, eine ganz neue Perspektive eröffneten.
Wie ich auf einen Pinguin und diesen Namen kam weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass mir beides spontan einfiel, als ich wieder einmal mit dem Einschlafritual betraut war und meine Tochter mich bat, ihr eine Geschichte zu erzählen (nicht vorzulesen).
So entstanden Geschichten wie:

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Alles Alltagsdinge, die meine Tochter natürlich kannte. Nun aber tauchten sie in einem völlig neuen Zusammenhang auf. Natürlich leisteten das auch die altersgemäßen Kinderbücher, aber hier war das besondere, dass die Geschichten während des Erzählprozesses entstanden. Sie waren nicht abgelesen und erzielten dadurch eine geradezu magische Wirkung.

Das besondere beim Geschichtenerzählen ist eben genau das,
Geschichten zeigen bekanntes in neuem Gewand und erlauben einen Perspektivwechsel und eröffnen so u. U. ganz neue Welten. Das macht den Blick frei, der Konflikt und, was viel wichtiger ist, die jeweils andere Konfliktpartei, kann ggf. auch in einem völlig neuen Licht gesehen werden.
Und plötzlich wird sie mir ihrem Anliegen besser verstanden. Daraus ergeben sich dann auch Lösungsansätze, die vorher nicht möglich gewesen wären.
Und wenn Geschichten bekanntes in neuer Form aufzeigen, kann dazu eine Distanz hergestellt werden, die neue Möglichkeiten eröffnet.

Was haben Geschichten in der Mediation mit meinen Geschichten um Manfred den Pinguin zu tun?

Ich hatte seinerzeit mit der ersten Geschichte ein völlig neues Universum für meine Tochter geschaffen. Sie verlangte in der Folge immer wieder neue Geschichten von Manfred dem Pinguin und ich war gefordert, meine Fantasie zu bemühen. Mir fielen viele neue Geschichten ein, die ich beim erzählen entwickelte. Das ging mit jeder Geschichte besser. Manfred der Pinguin lernte Fahrrad fahren, entdeckte das Fernsehen usw. Es war also immer nur eine bekannte Alltagssituation die in der Welt von Manfred dem Pinguin eine ungeheuere neue Spannung erfuhr und meine Tochter entweder zu neugierigen Fragen anregte oder sie einfach nur erheiterten.

Diese Erkenntnis versuche ich nun in der Mediation oder in Beratungsprozessen neu anzuwenden.
Ich versuche Episoden, Begebenheiten aus dem Prozess der Mediation oder Beratung in Geschichten zu transferieren, sie so zu entfremden und sie dadurch für die Medianden eher zugänglich zu machen.
Dabei hilft mir die Erinnerung an die seinerzeit selbst ausgedachten Geschichten, weil ich weiß, dass es keiner komplizierten Erzählstränge bedarf um eine bekannte Situation in neuem Licht erscheinen zu lassen.
Ja, ich merke, dass mir Geschichten selbst helfen, das Gehörte besser zu verstehen und besser einzuordnen. Denn beim entwickeln der Geschichte, fallen mit Einzelheiten ein und auf, die ich vorher nicht so deutlich gesehen habe. Das hilft mir dann, den Prozess der Mediation wieder besser zu gestalten.

Nun muss sich zum Glück nicht jeder Geschichten ausdenken, um
Storytelling als Methode in Mediation, Beratung und Coaching einzusetzen.
Dr. Hanna Milling hat dazu ein fantastisches Buch geschrieben, in dem sie, neben den theoretischen Grundlagen des Geschichtenerzählens, auch eine Fülle von Geschichten gesammelt hat, die ggf. sofort einsetzbar sind.

Aber Vorsicht!
Wer Geschichten erzählen will, muss sich auch als Geschichtenerzähler ausprobieren.
In der Mediation oder einem Beratungsprozess müssen Geschichten wirkungsvoll eingesetzt werden. Sie sind Hilfsmittel und nicht Selbstzweck.
Daher empfehle ich, sich in einen laufenden Beratung- oder Mediationsprozess hineinzudenken und einem Punkt, an dem der Prozess hakte, dieses Thema in eine Geschichte zu verpacken (sich eine passende Geschichte dazu auszusuchen) und sie laut vorzutragen.
Geschichten im laufenden Prozess sollten also auch nicht vorgelesen werden, das wirkt zu aufgesetzt, das passt sich nicht geschmeidig in den Prozess ein, sondern lässt ihn eher stocken.
Übung im Geschichtenerzählen ist also dringend angeraten.


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Und hier nun das Buch dazu, das ich für Mediation, Beratung und Coaching wärmstens empfehle:


Milling, Dr. Hanna, Storytelling - Konflikte lösen mit Herz und Verstand, Wolfgang Mietzner Verlag, 2016




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